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Altes Handwerk und feines Leder: Manfred Postel, der Schuhmacher aus Santa Agnes, feiert 70.

Graue Gedanken sind “Müll, der zu nichts, sondern nur noch mehr ins Schlamassel führt.”

Santa Agnes – Manfred Postel, geboren am 6. März 1950 in Berlin, ist einer jener Ibiza-Deutschen, die ihren Schritt, auf die Insel ausgewandert zu sein, nie bereut haben. 

Nach seiner Ausbildung zum Chemielaborant wollte er im zweiten Bildungsweg das Abi machen, entschied sich jedoch für eine “Phase der Selbstfindung”, die sich über mehrere unbeständige Jahre und viele Reisen bis nach Afghanistan, Pakistan und Indien zog, bis er schließlich 1972 zum ersten Mal als Urlauber auf Ibiza aufschlug. 

Die Zeit hat er in guter Erinnerung: “Ich hatte mich gerade verliebt und meine Geliebte war mit ihrer Freundin auf Ibiza, da wollte ich natürlich hinterherreisen. Damals hatte man kein Handy, so habe ich ihr postlagernd Briefe per Luftpost gesendet. So wusste ich, dass sie irgendwo in San Carlos anzutreffen ist.” 

Ostern setzte sich Manfred ins Auto und fuhr die Strecke von Berlin bis Barcelona. Dort ging es auf die Fähre nach Ibiza. 

Ein wenig bange war im schon, als sein Wagen mit all den Sachen in einem großen Netz auf Deck gehievt wurde. Endlich angekommen, konnte er seinen Frühlingsgefühlen Lauf lassen. “Eines Tages saß ich in der Bar Anita und wartete auf meine Freundin. Sie kam mit dem Auto an und beim Aussteigen küsste ich sie auf den Mund. Da kam Anita mit einem flachen Besen aus der Bar gerannt und begann, mir auf den Rücken zu schlagen.” “Das macht man hier nicht in der Öffentlichkeit”, zeterte sie. “So war das halt hier noch zu Francos Zeiten”, schmunzelt der Exil-Berliner. Die Ibiza-Liebe des Paares hielt etliche Jahre.

Geld und einen Lebensunterhalt verdienen, auch darüber musste sich Manfred Gedanken machen. “Schon in Berlin hatte ich viele handwerkliche Hobbies wie Weben und Töpfern. Ich war immer gut in solchen Dingen. Ich kann eigentlich alles, Elektrik, Bau, Autos. Nur ans Haare schneiden traue ich mich nicht”, lacht er.

Gute Dienste auf Ibiza erwies ihm eine Nähmaschine, auf der er begonnen hatte, einfache Sachen aus Leder herzustellen. Erst nur für sich und Freunde und den Bruder, für die er Gürtel und Taschen fertigte. “Meine Singer ist bestimmt an die hundert Jahre alt und ist super! Ich benutze sie bis heute.” 

Im Juni 1982 wurde es dann ernst mit dem Auswandern: Mit 80 Kilo Gepäck, darunter die Nähmaschine, Gitarre, Werkzeugkasten und Kleidung, kam Manfred mit den festen Plänen nach Ibiza, hier zu bleiben. Er wohnte erst in der Nähe von Santa Eulalia und lernte eine Französin aus Santa Agnes kennen. 

“Ich habe mich gut über Wasser gehalten mit dem gesparten Geld. Damals konnte man mit wenig hier sehr gut leben.” Bis Ostern 1983 hatten sie nur 1.000 Mark verbraucht.

Von der Hälfte des restlichen Gelds kaufte Manfred in Barcelona Material ein. Der Plan war, auf dem Es Canar-Markt einen Stand zu machen. Zusammen mit Michelle, die auch mit Leder arbeitete, verkauften beide ihre Waren in Punta Arabi. “Damals war alles sehr entspannt. Für eine Finca hat man 5.000 Peseten im Monat Miete bezahlt.”

“Zu der Zeit hatte ich keine Residencia. Irgendwann kam die Guardia Civil zum Haus, ich müsse mich bei der Fremdenpolizei vorstellen. Die wollten echt alles wissen, haben sich dann wieder gemeldet und mir nur gesagt, ich solle mich gut verhalten. Als Deutscher war ich total überrascht, weil die so locker waren. Ich dachte, ich als quasi illegaler Immigrant würde sofort rausgeschmissen.” 

Manfreds Lebensmittelpunkt ist seit diesen Tagen bis heute das kleine Dörfchen Santa Agnes. Die Bar Can Cosmi war schon damals der wichtigste Treffpunkt im Ort. Als sich die Gelegenheit bot, bezog Manfred das Lokal schräg gegenüber der Kirche, die ehemalige Poststelle. 

“Cas Sabater” steht dort heute über der Ladentür. Es bedeutet “Das Haus des Schuhmachers.” 

“Im März 1988 habe ich dem Besitzer die erste Miete bezahlt und bin direkt eingezogen. Seitdem bin ich hier mitten im Dorf. So lange habe ich noch nie irgendwo gewohnt.” 

Der Name für sein neues Geschäft entstand mit Hilfe des örtlichen Catalan-Lehrers, den er nebenan in der Bar traf. “Cas Sabater” klang schöner als “Leatherline”, daher nahm er dessen Vorschlag gerne an. 

Manfred versteht Catalan, wenn auch nicht so gut wie Kastilisch. “Immerhin ist es einfacher zu verstehen als der Bauerndialekt. Das Eivissenc ist ein einziger Wortfluss. Ich habe kaum etwas verstanden, wenn ich den Männern zuhörte.” 

“Wenn man sich entscheidet, hier zu leben, muss man auch die Sprache lernen und immer besser werden. Sonst versteht man die Essenz der Kultur und Mentalität nicht, auch die Witze nicht. Wenn Du ein Geschäft hast, erst recht.”  

Doch die Kosten für den eigenen Laden wuchsen dem Berliner über den Kopf. “Ich musste monatlich 40.000 Jahre Peseten plus Mehrwertsteuer zahlen, plus mein Autonomo. Bald habe ich gemerkt, dass ich nicht über die Runden komme.” 

Der Schuhmacher war mit einigen Monatsmieten im Rückstand. Im März 1989 stand der Vermieter mit der Kündigung auf der Matte: “Mir war klar, ich hatte über meine Verhältnisse gelebt. Als er mir die Pistole auf die Brust setzte, wurde mir klar, dass wenn ich mich jetzt nicht zusammenraffe, ich keinen Fuß mehr auf den Boden bekomme.” 

Manfred bat den Mann um eine letzte Chance, der einwilligte. “Bis zum Ende des Jahres war ich schuldenfrei. Ich haben mich zusammengerissen und diszipliniert, seitdem läuft es. Ich habe mein Geld zusammengehalten, denn wenn man so eine Chance bekommt, muss man sie auch annehmen.” Was ihn antrieb, war “die Angst, dass sonst alles den Bach runter geht.” Heute ist er stolz auf sich und seinen starken Willen.

Seitdem hat er viele Schuhe, Taschen und Gürtel verkauft und lebt zufrieden. Im März feiert Manfred seinen 70. Geburtstag. “Ich würde eigentlich gerne in Rente gehen, aber so recht weiß ich nicht, wie.”

Er hat jede Menge Stammkunden, die sich seit Jahren Schuhe von ihm anfertigen lassen. Andere Ware produziert er keine mehr: “Ich verkaufe jetzt noch die Restbestände, und meine Stammkunden kann ich ja auch ohne Ladenlokal bedienen.” Das Problem sei, wenn er den Lade zumache, um in Rente zu gehen, “muss mich daran gewöhnen, meinen Tagesablauf anders zu strukturieren. Vorher habe ich ja jeden Tag viele Stunden in der Werkstatt verbracht.” Er ist am überlegen, dieses Jahr nur im Juli, August und September zu öffnen, und ansonsten nur auf Termin.

Hunderte Paare maßgefertigte Schuhe sind in den letzten Jahrzehnten durch seine Hände gegangen. Wieviele, kann er nicht sagen: “Öfter kommt man jemand vorbei und zeigt mir die Schuhe, die sie hier vor 25 Jahren gekauft haben.” 

Das Handwerk ist bis heute das gleiche: Normalerweise hat er für jeden Fuß ein Modell, manchmal bringen die Kunden aber auch Fotos oder Muster von ihrem Traumschuh mit. Dann heißt es, die Füße vermessen, den Umriss zeichnen, das Spann- und Ballenmaß und die Höhe des Knöchels berechnen. 

“Ziegenleder ist sehr robust, auch wenn es mit der Zeit etwas knitterig wird.” Seine eigenen Schuhe trägt er seit 20 Jahren, sie sehen aus wie neu. “Rindsleder eignet sich besser für Schuhe”, weiß der Berliner. 

Eine Herausforderung sei es, “das flache Zweidimensionale in die dritte Dimension bringen”, dann vom Leisten die Oberfläche und die Schnitte zu zeichnen und anzufertigen, um auf dieser Grundlage das Oberleder zusammenbauen.

“Sowas will heute doch keiner mehr machen. Die jungen Leute wollen schnelles Geld, das ist im Handwerk nicht möglich. Etwa 30 Stunden sitze ich einem einem einfach Paar Herrenschuhe. Auch mir wird das nun zu aufwendig”. 

Einer seiner prominentesten Kunden war der ehemalige Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, der in Manfreds Lädchen einen Gürtel für seinen Freund kaufte. “Er war wohl zu einer Hochzeitsfeier auf Tagomago eingeladen. Als er in den Laden kam begrüßte ich ihn auf deutsch mit ‘Tach, Herr Bürgermeister’.” 

Die Begegnung klang noch lange nach: Wowereit ließ Manfreds Mutter anlässlich ihres 90. Geburtstags eine signierte Grußkarte schicken, die viele Jahre bei ihr in Berlin im Flur hing und heute bei ihm im Laden. Auch Fritz Wepper und Peter Kraus, waren da, als sie auf Ibiza drehten: “In meinem Dorf kommt die ganze Welt zusammen”, schmunzelt Manfred. 

Seinen Ruhestand möchte er ruhig angehen. Jeden Tag läuft er jeden Tag paar Kilometer durch das wunderschöne Tal von Santa Agnes. Hund Benny, den er 2006 aus dem Tierheim Sa Coma holte, wartet daheim auf ihn. 

“Je älter ich werde, um so mehr lerne ich, meine Gedanken zu kontrollieren und mich auf den Moment und die Umgebung zu fokussieren. Ich fühle ich mich am wohlsten, wenn ich spazieren gehe und mir die grüne Landschaft ansehe.” Graue Gedanken seien “selbstgemachter Müll, der zu nichts, außer nur noch mehr ins Schlamassel führt.” 

“Man muss auf etwas zuarbeiten, bis ins hohe Alter. Sonst wird das Leben öd und leer, weil man bekommt keinen Input.” Seine nächsten Ziele sind, besser Gitarre spielen zu lernen, generell mehr Musik zu machen und zu singen.” Gerne mit anderen Menschen, aber gerne auch allein: “Ich passe gut mit der ibizenkischen Mentalität zusammen denke ich. Die Einheimischen sind ja auch eher ziemliche Individualisten und Einzelgänger.”  

Kontakt

Manfred Postel
Schuhmacher und Lederhandwerker

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