Eine Farm mit Frequenz: Wie Gabriel Olivera neue Wege im Bio-Anbau geht
Auf der Finca “Can Zol” gedeihen Mangos und Bananen im Takt von Jazz und Mantren
Aus 80 kleinen Lautsprechern klingen gregorianische Gesänge über die Felder wie ein leiser Chor, der sich zwischen Avocadobäumen, Salatpflanzen und frisch angelegten Rote Bete-Beeten verliert.
Dass diese Klänge das Wachstum der Pflanzen positiv beeinflussen, davon ist Gabriel Olivera überzeugt. „Sie werden stärker und sind widerstandsfähiger“, sagt er und verweist auf Studien, die den Effekt von Schwingungen und Musik auf Pflanzen belegen.
Seine Bio-Farm „Can Zol“ auf Ibiza gehört zu den wenigen Höfen weltweit, die gezielt mit Klang arbeiten. Acht sollen es sein, der einzige in Europa befindet sich auf der Insel. Mal sind es klassische Stücke, mal sanfte Mantren, Jazz oder orientalische Melodien, die über das sieben Hektar große Gelände wehen. Gabriel hat dafür eigens eine Spotify-Playlist zusammengestellt. Doch nicht nur die Pflanzen scheinen davon zu profitieren. Auch für Besucher entsteht eine besondere Atmosphäre: ruhig, fast meditativ, ein Ort, der sich bewusst vom hektischen Inselleben abhebt.
Olivera, Jahrgang 1965, stammt aus Uruguay. Schon als Kind arbeitete er auf Tomatenfeldern. 1989 kam er nach Ibiza. Viele Jahre später reifte die Idee, selbst Landwirtschaft zu betreiben. Seit 2018 suchte er nach einem geeigneten Stück Land und wurde schließlich an der Carretera San Joan fündig, zwischen den bekannten Restaurants Nagai und Ses Escoles.
Den entscheidenden Impuls gab seine Tochter Zoe: „Als sie sieben war und das Grundstück sah, sagte sie sofort, dass sie hier leben möchte.“ Aus den Anfangsbuchstaben ihres Namens (Zoe Olivera Levi) entstand schließlich auch der Name der Finca: Can Zol. “Der Name passt auch, weil ich die Sonne sehr mag, also Sol im Spanischen. Als Kind sprach ich immer mit der Sonne. Auch heute noch manchmal, wie zu einem Großvater”, lächelt der rührige Unternehmer.
Das Land gehörte einer alteingesessenen Ibicenco-Familie. Der 89-jährige Besitzer verfolgt die Entwicklung auf der Bio-Finca mit Freude, schließlich kann er von seinem Haus aus beobachten, wie das über 150 Jahre brachliegende Gelände gegenüber wieder zum Leben erwacht.
Ein Haus stand beim Kauf noch nicht drauf. Gabriel entwarf es selbst, ließ Brunnen bohren, Trockensteinmauern errichten und ein Bewässerungssystem anlegen. „Die Stelle für den Brunnen wurde ausgependelt und tatsächlich haben wir beim ersten Versuch Wasser gefunden“, erzählt er. Nach zwei Tagen schoss sogar eine Fontäne aus der Tiefe – ein Glücksfall, denn die Farm liegt über einem der ergiebigsten Grundwasserleiter der Insel.
Gepflanzt wurde viel und vielfältig: rund 500 Avocadobäume, ebenso viele Olivenbäume, dazu 300 Mango- und 50 Papayabäume, 500 Maracujas, Mandeln, Zitrusfrüchte wie Grapefruit und Limetten, Feigen, Guaven, Bananen, Äpfel, Lichies, Mispeln, Brombeeren und etliche weitere Sorten.
Hinzu kommen Gemüse wie Salate, Spinat, Zucchini oder Kartoffeln. Ein Teil der Ernte wird direkt weiterverarbeitet, etwa zu Suppen, Saucen, Marmeladen oder Trockenfrüchten. Der Rest wird frisch verkauft. Ganz bewusst ohne Zwischenhändler: „venta directa“, also direkt vom Feld auf den Tisch.
Herzstück für Besucher ist heute das „AlmaZen“, ein Hofladen mit angeschlossener Küche und Terrasse. Hier werden neben den eigenen Produkten auch Erzeugnisse anderer Bio-Betriebe von den Balearen angeboten: von Käse und Wein bis hin zu Fleischwaren aus Mallorca. Gabriel ist Mitglied in den Öko-Verbänden APAEF und APACM, die den Austausch untereinander fördern.
Der Aufbau des Projekts fiel mitten in die Pandemie. Am 21. Juni 2020 kamen rund 40 Kinder auf die Finca, um gemeinsam mit ihren Eltern die ersten Bäume zu pflanzen. Zwei Jahre später folgte die Baugenehmigung für das Wohnhaus, im Sommer 2023 zog die Familie schließlich ein. Im November 2024 eröffnete der Hofladen, im Juli 2025 die Küche. Im selben Jahr brachte die erste Olivenernte 65 Liter Öl hervor.
Heute arbeiten auf den Feldern, in der Küche und im Service sieben Angestellte im Can Zol. Wirtschaftlich bleibt es eine Herausforderung. „Allein um ein Gehalt zu bezahlen, muss ich umgerechnet 3.000 Salatköpfe verkaufen“, sagt Gabriel. Er verkauft vor allem an Privatkunden, etwa über wöchentliche Gemüsekisten oder den Direktverkauf vor Ort. Die Zusammenarbeit mit Restaurants sei schwieriger, da ein einzelner Hof nicht deren gesamtes benötigtes Sortiment abdecken könne.
Gleichzeitig sieht er ein strukturelles Problem: „Allein in den letzten zehn Jahren ist die Landwirtschaft auf den Inseln um 70 Prozent zurückgegangen.“ Ein Grund sei die fehlende Unterstützung, ein anderer die Nachfrage nach Bio-Produkten. „Das funktioniert nur, wenn Restaurants ihre Speisekarten stärker an die Saison anpassen, aber das ist den meisten zu aufwendig.“
Trotz aller Hürden verfolgt Gabriel eine klare Vision: „Mein Plan ist, dass sich das Projekt selbst trägt. Und mein Traum ist, dass viele Menschen kommen, denn die Gewinne teilen wir wie in einer Kooperative mit dem Team.“ Transparenz ist ihm wichtig: Monatlich wird offen abgerechnet, so dass alle Beteiligten wissen, wo der Betrieb steht.
Für Gäste bietet das Can Zol mehr als nur Einkaufsmöglichkeiten: Täglich wechselnde Menüs, Käse- und Wurstplatten, Brot aus traditionellem Xeixa-Weizen, dazu Wasser aus dem eigenem Brunnen: gefiltert, mineralisiert und kalkfrei. Die Finca versteht sich auch als Ort für Begegnung: mit Platz für Veranstaltungen, Workshops und Fortbildungen, Yoga, Kinderkurse oder einfach ein Picknick unter den Bäumen.
Zwischen Vogelstimmen, leiser Musik und dem Duft frischer Erde entsteht so ein Ort, der zeigt, wie Landwirtschaft auf Ibiza auch aussehen kann: entschleunigt, gemeinschaftlich und mit einem Hauch von sakralen Gesang im Wind. die
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