Mehr als Urlaub: Die Insel als Raum für Gefühle und als Katalysator für tiefe Heilung
Interview mit der Diplom-Psychologin und Ibiza-Liebhaberin Annika Damnitz
Annika Damnitz ist selbstständige Traumatherapeutin, studierte Diplom-Organisationspsychologin und Expertin für sensible Nervensysteme.
In ihrer Praxis in Hamm und Dortmund begleitet sie Menschen dabei, alte Muster, innere Blockaden und traumatische Erfahrungen zu transformieren. Annika lebt und arbeitet abwechselnd in Deutschland und auf Ibiza und hat sich darauf spezialisiert, Menschen zurück zu innerer Stabilität, Selbstverbundenheit und Lebenskraft zu begleiten.
Ihre Arbeit verbindet moderne traumasensible und somatische Therapiemethoden mit Nervensystem-Regulation, kognitiver Verhaltenstherapie und systemischer Arbeit. Besonders auf Ibiza finden hochsensible Klienten bei ihr einen geschützten Raum, um in der Ruhe und Natur tiefgehende Heilungsprozesse zu erleben.
Hola Annika! Seit wann bist du schon auf Ibiza und was ist deine spezielle Verbindung zur Insel?
Meine Liebe zur Insel begann bei meinem ersten Besuch vor mittlerweile mehr als 20 Jahren. Ich kam als Studentin in den Semesterferien, um Kraft zu tanken. Es war sofort um mich geschehen. Die Energie der Insel hat mich vom ersten Moment an so sehr gefesselt, dass ich seitdem immer wieder gekommen bin und die Abstände immer kürzer wurden. Letztes Jahr war ich sieben mal hier.
Was sind deine schönsten Erinnerungen?
Die schönsten Zeiten waren die Elternzeiten meiner beiden Töchter und die Begegnungen mit meinen Hunden, die ich hier adoptiert habe. Mit meiner Border Collie-Mix-Hündin Llenya ist ein Teil von Ibiza immer bei mir. Die Insel ist mein absoluter Kraft- und Seelenort und es gibt für mich keinen schöneren Platz auf der Welt. Ibiza ist das pure Leben in allen Facetten und zugleich auch sehr heilsam und aufdeckend. Ich fühle mich hier sicher und verbunden.
Du bist von Beruf Traumatherapeutin. Ist Ibiza aus deiner Sicht ein besonders kraftvoller Ort für Heilung?
Zunächst steht die Insel für einen ganz bestimmten Wert, der auch für mich der mit Abstand wichtigste im Leben ist: Freiheit. Jeder darf sein, wie er ist – das ist vor allem für Menschen mit komplexen Traumatisierungen sehr heilsam. Zudem gibt es eine einzigartige Energie, die sich in der Natur, der Landschaft, vor allem durch das Meer und der kulturellen Atmosphäre sowie der offenen und spirituellen Gemeinschaft widerspiegelt.
Ibiza ist ein Ort, an dem viele Menschen eine tiefe Verbindung zu sich selbst und zu einem größeren spirituellen Kontext spüren. Diese Verbindung kann sehr heilend wirken. Die natürliche Schönheit Ibizas, insbesondere die ruhigen Strände, Berge und das klare, reinigende Licht, bietet einen Raum, der oft als beruhigend empfunden wird.
Die Umgebung fördert das Loslassen von innerem Stress und emotionalen Blockaden. Durch diese Kombination aus Natur und Gemeinschaft kann die Insel als Katalysator für tiefgreifende emotionale und körperliche Heilung dienen. Ein wichtiger Aspekt ist auch, dass die Insel als Spiegel dient: alles, was gerade da ist, wird fast ungefiltert gespiegelt und darf dann angeschaut werden. Das bietet Raum für die Integration von Gefühlen, die hochkommen.

Welche Rolle spielt die Natur bei gestressten Nerven?
Die Natur hat bekanntermaßen einen direkten Einfluss auf das Nervensystem. Ibiza ist reich an natürlichem Licht und unberührter Landschaft. Dies wirkt regulierend auf das autonome Nervensystem. Das helle, warme Licht der Sonne hat nachweislich positive Auswirkungen auf die Vitamin D- und Serotoninproduktion und trägt dazu bei, Stress abzubauen und das emotionale Gleichgewicht wiederherzustellen.
Die beruhigende Wirkung der Natur fördert die Aktivierung des parasympathischen Nervensystems, das für Entspannung und Regeneration verantwortlich ist. Auch die Weite und Ruhe der Landschaft, die keine hektischen Reize bietet, ermöglicht es dem Nervensystem, in den Zustand der Erholung zu treten. Der Aufenthalt in der Natur, sei es am Meer oder in den Hügeln, erlaubt es, eine tiefe innere Ruhe zu finden und sich vom chronischen Stress, der oft symptomatisch mit Trauma verbunden ist, zu befreien.
Wie unterscheidet sich das Nervensystem eines hochsensiblen Menschen bei Stress im Vergleich zu normalen Menschen?
Hochsensible Menschen (HSM) haben ein empfindlicheres und feineres Nervensystem, das Reize und emotionale Eindrücke stärker wahrnimmt und verarbeitet als bei weniger sensiblen Menschen: Schönes wird schöner und Schlechtes wird schlechter erlebt. Man sagt auch, dass die Reizfilter geringer sind. Dies bedeutet, dass sie nicht nur auf äußere Stressoren intensiver reagieren, sondern auch für innere Reize wie emotionale und psychische Belastungen empfindlicher sind.
In Bezug auf Trauma kann dies bedeuten, dass hochsensible Menschen oft tiefere emotionale Reaktionen auf traumatische Ereignisse haben und die Heilungsprozesse langsamer und intensiver verlaufen können. Sie sind möglicherweise auch stärker anfällig für Überstimulation, was ihre Heilung erschweren kann, da ihr Nervensystem dazu tendiert, schneller in den “Fight or Flight”-Modus zu geraten.
In einem sicheren Umfeld mit gezielten, sanften Methoden wie Achtsamkeit, Körpertherapien und Naturverbundenheit können diese Menschen tiefere Heilungsprozesse erleben, da ihr System in einem behutsamen Tempo arbeiten kann, ohne überwältigt zu werden. Ich arbeite “traumasensibel“ mit kognitiven Elementen aus der kognitiven Verhaltenstherapie, aber auch systemisch.
Tragen Hochsensible unverarbeitete Traumata in sich?
Nicht nur selbst erlebte, sondern auch transgenerationale Traumata spielen eine Rolle. Wir wissen, dass traumatische Erlebnisse epigenetisch weitergegeben werden können. Das heißt, wir tragen auch die Wunden unserer Vorfahren in uns. Wenn man nun an die Kriegsgeneration denkt, wird schnell klar, wie viel Schmerz hier weitergegeben wurde, der nicht zu unserer Generation gehört. Ich gehe stark davon aus, dass viele hochsensibel geborene Menschen, meist pränatal, etwa durch eine schwierige Schwangerschaft, oder transgenerational traumatisiert wurden und es nicht wissen. Es kommt häufig das Gefühl auf„ ‘anders’ oder ‘falsch’ zu sein, und nicht zu verstehen, warum gewisse Reaktionen extremer ausfallen können. Leider spielt auch häufig emotionaler Missbrauch in Form von Ausgrenzung oder Mobbing eine Rolle.
Findest du, dass Ibiza einen besonderen “Vibe” hat?
Das kann ich definitiv bestätigen. Ich habe enge Freunde, die auch sehr verbunden mit der Insel und eindeutig hochsensibel sind. Es ist in Worten sehr schwer zu beschreiben, denn es ist ein Gefühl. Wenn ich an einem meiner Lieblingsstrände sitze und aufs Meer schaue, bin ich total geerdet und verbunden. Ich bin im Hier und Jetzt. Diesen Zustand erleben viele sensible Menschen in einem hektischen und stressigen Umfeld und im Alltag eher selten. Auf Ibiza ist es aber möglich. Die Insel ermöglicht es introvertierten Menschen, sich nach innen zu wenden.

Warum zieht Ibiza so viele sensible, kreative und spirituelle Menschen an?
Das ist eine sehr gute Frage. Ich denke, es gibt mehrere Gründe. Zum einen bietet die Insel neben der kraftvollen Energie, der atemberaubenden Natur, der spirituellen Gemeinschaft, einen Raum für Kreativität und einen sehr achtsamen Umgang mit ‘Andersartigkeit’. Die ‘schwarzen Schafe’, die ‘Systemkritiker’, die ‘Paradiesvögel’ oder die ‘Pippi Langstrumpfs’ dürfen hier einfach ‘sein’. Hier wird einfach weniger be- oder verurteilt. Diese offene Haltung bietet viel Raum für kreative Geister, die dann auch Wundervolles erschaffen können.
Welche Anzeichen gibt es, dass das Nervensystem überfordert ist?
Leider sind es sehr häufig Menschen, denen man das gar nicht auf den ersten Blick zutrauen würde, dass es ihnen in Wirklichkeit gar nicht so gut geht. Die Betroffenen befinden sich meist in einer Art Funktionsmodus und haben vermeintlich alles sehr gut im Griff, gehen oft über die eigenen Grenzen und beachten auch erste körperliche Symptome nicht. Meistens suchen die Menschen dann erst Hilfe auf, wenn der Leidensdruck sehr hoch ist, das Umfeld sich sorgt oder aber starke somatische Beschwerden hinzukommen. Sehr oft sind es auch Symptome wie depressive Verstimmungen, Angst- und Panikzustände, Schlafstörungen, Impulsivität, das Gefühl, erschöpft zu sein und sogar dissoziative Zustände.
Woran merkt man, dass man kurz vor dem Zusammenbruch steht?
Die Betroffenen spüren sich nicht mehr richtig und haben keine Verbindung zu ihrem Körper. Sie sind in einer Art dauerhaften Alarmbereitschaft und scannen die Umgebung permanent auf Gefahren. Sie fühlen sich falsch oder fehl am Platz und zeigen starke Tendenzen, zu kompensieren, etwa mit Substanzen, Alkohol, Shopping, exzessives Essen, Gaming oder Pornos.
Das Nervensystem versucht permanent, eine Balance herzustellen und befindet sich meistens entweder in der Über- oder in der Untererregung. Gewisse Gefühle können kaum reguliert oder ertragen werden.
Ist das sympathische Nervensystem aktiviert und wir befinden uns in einer Übererregung, also im Flucht- oder Angriffsmodus, sind wir wie getrieben, euphorisch, panisch, ängstlich, aggressiv und sehr impulsiv. Der Puls ist erhöht. Übernimmt das parasympathische Nervensystem als Gegenspieler und befinden wir uns in einer starken Untererregung, zeigen sich depressive und dissoziative Zustände. Es wirkt dann, als würde man neben sich stehen. Der Antrieb ist gering. Das Nervensystem versucht dann, einen Ausgleich herzustellen und es geht dann in unterschiedlichen Abständen hoch und runter.
Was ist die einfachste Methode, das Nervensystem wieder ins Lot zu bringen?
Ich empfehle da immer die sogenannte Bauchatmung. Das ist eine tiefgehende Atemtechnik, die dabei hilft, das Nervensystem zu beruhigen und Stress abzubauen. Sie aktiviert den parasympathischen Teil des Nervensystems und hilft, die körperliche und emotionale Reaktion auf Stress und Trauma zu regulieren. Bei der Bauchatmung wird bewusst in den Bauchraum geatmet, anstatt flach in die Brust, was zu einer tiefen Entspannung führt. Außerdem ist der Stressabbau ein weiterer Vorteil: der Cortisolspiegel, also die Stresshormone, wird gesenkt. Durch Fokus und Orientierung kann sich der Geist wieder zentrieren und den Körper beruhigen.
Wie geht das genau?
Sehr einfach und es kann in jeder Lebenslage geübt und angewandt werden: Setze oder lege dich bequem hin. Platziere eine Hand auf deinen Bauch, etwa auf den Bereich des Solarplexus, und die andere auf deine Brust. Atme tief durch die Nase ein, dabei spürst du, wie sich der Bauch nach außen wölbt. Zähle dabei bis vier, atme langsam und kontrolliert durch den Mund aus und lass deinen Bauch wieder nach innen sinken. Zähle dabei bis sechs oder acht. Wiederhole diesen Atemrhythmus mindestens fünf bis zehn Mal oder so lange, bis du spürst, dass sich dein Körper entspannt und dein Nervensystem beruhigt hat. Fokussiere dich auf die Empfindungen in deinem Körper, wie der Atem in den Bauchraum geht und wieder herausfließt. Versuche, alle anderen Gedanken loszulassen und nur auf die Atmung und deinen Körper zu achten.
Letzte Frage: Was ist dein Lieblingsplatz auf Ibiza?
Es gibt so viele schöne Plätze auf der Insel und ich lüge nicht, wenn ich sage, ich liebe hier jeden Stein! Es Vedra hat eine Energie, die mich einfach magisch anzieht. Ich genieße es, dort Sonnenuntergänge anzuschauen oder nur das Meer zu beobachten. Ibiza-Stadt ist ebenso immer einen Besuch wert und ich mag es, durch die Gassen der Altstadt zu schlendern oder einen Matcha Latte oder eine Acai Bowl zu genießen. Strände gibt es viele und die Vielfalt beeindruckt mich immer wieder. Mein absoluter Favorit ist die Cala Llenya im Nordosten. Daneben liegt direkt die Cala Nova, die ich auch gerne besuche. Im Westen gibt es noch die kleine Bucht Cala Escondida, die ich auch wunderschön finde.
Vielen Dank!
Das Gespräch führte Friederike Diestel
Kontakt
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