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”Im Unterbewusstsein laufen Gedankenschleifen ab, die nach einer Lösung suchen.”

IK-Sonderthema Angst: Interview (Teil 2) mit dem auf Ibiza lebenden Psychotherapeuten Ingmar Hansch

Die Medien bombardieren uns täglich mit angsteinflößenden Bildern und Nachrichten. Viele Menschen spüren Todesangst, wenn sie nur aus dem Haus oder unter Menschen gehen.

Die Covid 19-Krankheit schürt eine ganze Palette an Ängsten: Angst, sich anzustecken oder zu sterben, wieder eingesperrt zu werden oder die Arbeit zu verlieren. Im zweiten Teil der IK-Angst-Serie betrachtet der auf Ibiza lebende Psychotherapeut Ingmar Hansch die aktuelle Situation.

Hola Ingmar! Was passiert im Gehirn, wenn es ständig mit medialen Hiobsbotschaften und -bildern bombardiert wird?

Wenn sie im direkten Bezug zu unserem gewohnten Umfeld stehen, werden sie als starke Bedrohung wahrgenommen. Diese Bedrohung aktiviert bestimmte Zentren im Gehirn, die für die Überlebensfähigkeit des Organismus notwendig sind, also Verhaltensmuster, welche oft ohne den eigenen freien Willen, sondern automatisch ablaufen. Viele haben von dem “Flucht oder Angriff”-Muster gehört, also bei Gefahr angreifen, flüchten oder sich tot stellen.
Beispiel: Wir sind im Urwald und sehen vor uns einen Tiger. Sofort erstarren wir. Das Gehirn hat eine Entscheidung für uns getroffen, anstatt sich in inneren Erörterungen zu verstricken. Es entscheidet sich für “tot stellen“. Instinktiv wissen wir, dass wir den Tiger nicht angreifen können, dafür sind wir ohne Waffen zu schwach, flüchten können wir auch nicht, dafür läuft und klettert er zu schnell. So hoffen wir, dass der Wind für uns günstig steht und er uns vielleicht nicht gesehen hat oder gerochen kann. Dies ist ein automatisch ablaufender Prozess.

Was passiert nun, wenn eine starke, abrupte Bedrohung oder Veränderung in unserem Umfeld durch die Medien dargestellt wird? Zuerst sind wir geschockt. Schock schafft aber oft eine Abspaltung vom Erlebten, Dissoziation genannt. So können wir zwar als funktionaler Organismus überleben, schaffen aber eine Distanz zur Realität und nehmen diese nur noch stark gefiltert und unreflektiert wahr. 

Einfluss auf Angst hat in erster Linie die Situation, in der sich ein Mensch gerade befindet. Was bedeutet das bei der Corona-Krise, von der ja keiner weiß, wie lang sie noch andauern wird?

Das ist ein interessanter Aspekt. Wird über einen längeren Zeitraum mediale Angst erzeugt, verbleiben wir in einer Art unbewusster Starre. Diese Distanzierung lässt uns das weitere Erlebte wie durch eine milchige Glasscheibe sehen. 

Besonders durch die fehlende Kohärenz, also Logik und Beständigkeit, der medialen Berichterstattung, wissen wir nicht mehr, was gerade erlaubt oder verboten ist, oder wie lange die Krise noch anhalten wird. Wir gelangen in eine Art paranoiden Zustand, indem wir ständig unter Anspannung stehen und kaum noch jemand vertrauen. 

Die tägliche Überlebensfähigkeit ist zwar weiterhin gewährleistet, jedoch laufen im Unterbewusstsein ständig Gedankenschleifen ab, die nach einer Lösung suchen. Diese kosten Energie.

Wenn der Zustand über einen längeren Zeitraum anhält, entwickeln sich somatische Beschwerden, also durch Stressbelastung hervorgerufene Magen-, Darm-, Rücken-, Kopf- und  Nackenschmerzen, Migräne aber auch Ein- oder Durchschlafstörungen. Werden diese nicht behandelt, können sie in eine sogenannte Psychosomatose führen, was dann von einer Reizerkrankung in eine Organerkrankung mündet. Autoimmun- und Krebserkrankungen können die Folge sein.

Nun ist nicht jeder Mensch gleichsam empfindlich oder verletzlich, aber es gibt eine Vielzahl von unbewussten Vorgängen im Erleben und geistigem Verarbeiten, die für uns nicht immer steuerbar sind.    

Können Angstattacken durch Erlebnisse wie Quarantäne und “Social Distancing” zunehmen?

Wir Menschen sind soziale Lebewesen und uns ist die Interaktion untereinander sehr wichtig. Kommt es wie jetzt zu Einschränkungen, ruft das Verunsicherung hervor. Bei Vorbelastungen, aber auch beim gesunden Ich-Erleben, kommt es zu einer Verstärkung des inneren Leidensdrucks. Dies kann sich in Frustration, Wut, soziale Isolation oder frei flottierende unspezifische Angstzustände ausdrücken. 

Auch kommt es verstärkt zu Spannungen und Auseinandersetzungen im Umfeld. Psychische und körperliche Gewalt nehmen sprunghaft zu und die Betroffen können sich dieser nicht mehr entziehen oder schützen. Erschwerend ist, das beim aktuellen Problem keine zeitliche Begrenzung abzusehen ist.

Wer für eine Angstsituation keine Lösung – und damit keine Erlösung – findet, rutscht in lähmende Handlungsunfähigkeit. Was passiert im extremsten Fall?

Wie Du in der Frage richtig angedeutet hast, kommt es in schlimmeren Fällen zur körperlichen oder emotionalen Schockstarre. Das heißt, die Unbeweglichkeit des Handels erfolgt nicht aufgrund einer freien Entscheidung. 

Es gibt Langzeituntersuchungen, wo man Ärzte und Krankenschwestern, die zur Behandlung von Patienten mit SARS-2 über Wochen und Monaten unter stärksten Stressbedingungen arbeiten mussten, über einen Zeitraum von fünf Jahren beobachtete. Selbst nach der Lösung der Stresssituationen waren Jahre danach noch Nebenerscheinungen wie Substanzmissbrauch, also Tabletten, Alkohol oder Tabak, depressive Zustände und selbst suizidale Handlungen vertreten. Die erlebten Stresssituationen wirken selbst nach Beendigung noch lange nach. 

Am Sinn und Nutzen der Maske scheiden sich die Geister. Manche Träger fühlen Beklemmung, Herzrasen, einige erleiden klaustrophobische Anfälle. Welche Angst steckt da dahinter? 

Die Maske erfüllt mehrere Funktionen. So soll sie vor Ausbreitung schützen, wenn eine Erkrankung über den Luftweg übertragen wird. Auf der anderen Seite wird uns durch das Tragen von Masken jedoch viel Information genommen, die wir benötigen, um einen Menschen besser einzuschätzen zu können. Es fällt uns schwerer, abzuschätzen, ob uns der Gegenüber positiv oder negativ eingestellt ist. Wir können kaum die Gesichter erkennen oder Emotionen herauslesen. 

Die beschriebenen Symptome sind Anzeichen von Panikanfällen. Wie das Wort sagt, sind es Anfälle und können ohne Vorwarnung auftreten. Plötzlich überfällt es uns und wir geraten in eine Schockstarre oder Panikattacke.

Kinder sind grundsätzlich ängstlicher als Erwachsene. Wie wirkt der Anblick auf sie, wenn sie ihre Eltern ständig mit der Schutzmaske sehen? 

Kinder können oft besser mit situativen Veränderungen umgehen als Erwachsene. Sie sind flexibler in ihrer Erlebnisaufnahme, aber sehr abhängig vom emotionalen Verhalten ihrer Eltern. Sind diese entspannt, wirkt sich das auch auf das Kind aus. 

Schwerwiegender sind die sozialen Einschränkungen durch den fehlenden Kontakt mit Gleichaltrigen während der Quarantäne. Kinder begreifen ihre Umwelt durch Anfassen und Ausprobieren. Dies kann das reine computerunterstützte Lernen nicht ersetzen. 

Viele Eltern sind schlicht überfordert, wenn die Kinder nicht mehr zur Schule oder zu sportlichen Aktivitäten dürfen, und deswegen rund um die Uhr betreut werden müssen. 

Was können wir tun, um unsere Handlungsfähigkeit wieder zu erlangen? 

In Zeiten, wo der äußere Handlungsspielraum eingeschränkt ist, sollte man die Kontrolle über das eigene Bewerten und Empfinden zurückgewinnen. Gerade jetzt sollten wir mehr Zeit in der Natur verbringen, spazieren gehen, die digitalen Medien mindestens einmal pro Woche auslassen, unsere Gefühle aufschreiben, zehn Minuten pro Tag still sitzen, um sich auf die Atmung konzentrieren, oder ein musikalisches Instrument lernen. Wir sollten unserem Kopf Zeit geben zum Abschalten und Entspannen, und wenn dies nicht möglich ist, professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. 

Die Menschheit hat schon viele Krisen überstanden und gemeistert. Hoffentlich können wir diese Situation als Spezies wahrnehmen, um dringend notwendige Veränderungen in unserem Wirken auf die Umwelt zu überdenken und verändern. Oft brauchen wir von außen bedingte Situationen, um eine Veränderung zu bewirken. 

Vielleicht sollten wir diese Zeit, welche uns gerade geboten wird, annehmen und Veränderungen einleiten, um in einer besseren Zukunft zu leben. Der Konsument, also wir alle, haben die Macht, die großen Kooperationen und Firmen zum Umdenken zu führen. 

Der Mensch kann viel ertragen, wenn er die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, welche umweltverträglich und damit lebensbejahender ist, nicht verliert und sein Handeln selbstbewusst und selbstverantwortlich gestaltet. Wir haben schon viele Hürden überwunden und werden auch diese meistern!

Vielen Dank! 

Das Interview führte Friederike Diestel

Text: die / Fotos: Lisa Spreckelmeyer / pixelio.de

Copyright: Ibiza Kurier – Die deutsche Zeitung für Ibiza und Formentera 

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